Brotstempel

Allein das Wissen darum, dass die störenden Aufkleber auf Broten „Brotstempel“ heißen, gilt für mich bereits als Inselwissen und ich bin geneigt, Brotstempler als „Inselbegabte“ abzustempeln. Es ist jetzt nicht so, dass ich wegen der nun also ‚Brotstempel‘ die Brote wegwerfen würde, aber sie stören mich, wenn sie auf dem Brote prangen. Den Löwenanteil des Brotstempels kann man ja abknubbeln, aber ich mochte nie der Beschmierer und Verzehrer der Stulle sein, an deren Rinde der unschöne Rest batscht. Und sollte tatsächlich eine Demonstration zum Schutze der ‚Brotbestempelung‘ angemeldet werden – ich würde eine Gegendemo anmelden. Mindestens bundesweit soll nie wieder ein Brot gestempelt werden, vom deutschen Bäcker darf nie wieder Brot verunziert werden. Dafür dürfen auch 5.000 Polizeikräfte aus allen Bundesländern herangezogen werden, gern auch mit Wasserwerfern und der Erfahrung aus verschiedenen innerstädtischen Konflikten um den zum Beispiel Tag der Arbeit herum oder die Chaostage in einzelnen Städten. Vermummte werden Brotstempel misbräuchlich an der Stadtmöblierung oder Fahrzeugen der zum Schutz u.a. der Stadtmöbel abgestellten Sicherheitskräfte anbringen und die Nachrichten werden schließlich davon berichten, dass es am Rande der Demonstrationen zu Ausschreitungen kam. Hunderten Demonstranten und dutzenden Polizisten mussten Brotstempel operativ entfernt werden. Rettungskräfte… In einer ersten Stellungnahme… Die Schäden gehen in Millionenhöhe. Zum Wetter.

Doch natürlich ist es so einfach nicht. Wie immer eigentlich. Wenn man gepflegt dagegen sein und eine standhafte Haltung einnehmen will, rührt sich ein gewisses Interesse und aus dem strammen Anti wird zunächst mal der weichere Andy und evtl. bekommt der noch sanftere, dem Teige eines frischen Brotes ähnelnd weiche Züge und dann haben wir durchmatschte Croutons oder Back-Shop-Schrippen – Brotsalat.

Hier nun ist es so, dass der Brotstempel auf eine jahrtausende alte Geschichte zurück blicken kann. Schon Plutarch berichtete von der Verwendung von Brotstempeln, die Nilpferde zeigen, für Opferkuchen des ägyptischen Isis- und Osiris-Kultes. Auch aus dem frühen Christentum sind Brotstempel bekannt. Diese zeigten oft das Symbol des Fisches, wohl kann man also hier ebenfalls erste Belege für das Fischbrötchen finden. Der Blatter der Brostempelhistorie jedoch war zweifellos Franz Josef Dölger, obschon sein Wirken um den Brotstempel, nun ja, eher runtergefallene Krumen waren. Dennoch gilt den Kennern der erste Band mit den Kapiteln „Heidnische und christl. Brotstempel mit religiösen Zeichen“ sowie „Der Stempel mit Pentagramm“ seines Monumentalwerkes „Antike und Christentum. Kultur- und religionsgeschichtliche Studien“ als nicht nur Standardwerk sondern fernerhin nicht weniger als die Bibel der Brotstempelgeschichte. Dölgers Jünger folgten auf dem Fuße. Friedrich Sprater sei beispielsweise erwähnt und dessen Fund des Eisenberger Brostempels. Oder auch der Wettiner Prinz Johann Georg, Herzog zu Sachsen und dessen Sammlung, die in Mainz hoffentlich alsbald wieder zugänglich sein wird und die, neben anderem Tand, auch spätantike, byzantinische und frühislamische Brotstempel zeigt.

Wann nun jedoch der Irrweg beschritten wurde, das Brot nicht mehr zu stempeln sondern zu „labeln“ kann nicht mit Gewissheit gesagt werden, aber ich werde hier wohl nicht alle angehenden Brotstempler und Brotstempelogen in die Irre führen, wenn ich das ausgehende 20. Jahrhundert angebe. Solange es Bioläden mit angeschlossenen Industrie-Bio-Backwerk-Vertrieben gibt, werden wir dem Treiben allerdings wohl oder übel noch zusehen müssen. Doch auch hier ist der technische Fortschritt nicht aufzuhalten und wir werden gewiss eines Tages einen Dongle am Brot finden oder andere digitale Signaturen. Bis es jedoch soweit ist, werden noch einige Schlachten geschlagen Demonstrationen gegen das papierne Ungemach auf des Brotes Kruste angemeldet werden müssen. Hier sehe ich, sobald Wasserwerfer eingesetzt werden, den papiernen eindeutig im Nachteil gegenüber den hölzernden, denen aus Ton, Stein oder Metall.

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