The Nose Face

Sie machen ja im Grunde alles richtig. Die Außentemperaturen untersteigen einen subjektiven Jackenfreiheitswert und da diese Spezies zum Atmen und teilweise Sprechen noch genug IQ besitzt und also, entgegen durchaus denkbarer und darauf noch näher eingehenswerter Zuordnung zum Pantoffeltierchen, dem Menschengeschlecht zugeordnet werden kann, ziehen sie eine Jacke an. Kein Grund, Appläuse zu generieren.
Auch der Umstand, dass es sich bei der Umgebung, die man betritt, wenn man „rausgeht“ um Draußen handelt, Outdoor also, erhebt den Anzieher einer Jacke nicht unbedingt in den Kreis der Hochintelligenz.

Nun latschen diese Menschen aber nicht einen zugigen Weg am Fuße eines Mittelgebirges ab oder sind sonderbar religiös auf aprilenem Jakobspfad unterwegs. Sie gehen einfach kurz was „einholen“. Der Weg, der das Heim des Outdoorjackenträgers mit der Heimat des Einzuholenden verbindet ist die Schönhauser Allee. Eventuell auch nicht, stattdessen liegt der Helmholtzplatz am Wegesrand. Vielleicht sind die Menschen auch im Friedrichshain unterwegs oder gar in Spandau, wo man tatsächlich gewisse Outdoortendenzen vermuten darf. Sie rechtfertigten aber dennoch nicht das Tragen von Outdoor Wear.

Bevor ich zu einer ersten Zusammenfassung auf einem Gipfel ankomme, muss noch festgehalten werden, dass Outdoorjackenanhaber sich zu einem Größtteil von Markenverbundenheit freisprechen würden. Sie würden gar soweit gehen zu behaupten, Markenfetischmus sei eine der Geißeln der Menschheit – freilich etwas weniger pathetisch, dafür aber mit mehr Zischlauten.

Hier und nun also stellen wir uns den metaphorischen Gipfel eines mitteleuropäischen Mittelgebirges vor und das ist genau auch an Mittelmaß passend mithin; eine Zusammenfassung: Das The North Face/Jack Wolfskin-Jacke und sein Träger-Ensemble auf den höher frequentierten Straßen Berliner Innenstadtbezirke – wie selten bekloppt und doch wie oft schon gesehen?!

Gut, nun muss kompensiert werden, dass sich der Bugaboo-Kinderwagen winters und insbesondere über gerade beschneite Haupt- und Nebenstraßen derart schlecht entlang schieben lässt, einerseits; andererseits, dass es immerhin gewisse Abneigungsanhäufungen gegenüber eben den Schiebern der genannten Kinderwagen zu beobachten gibt. Die Ausrede der Träger einer Analogie zum pastellenen Anorak wird der Besuch beispielsweise ostdeutscher Ostseeinseln im März oder Herbst sein – der vor vielen Jahren einmalig und/oder sogar nur mal geplant war. Vom Regen in die Traufe rennt also der nicht Markenfetischist genannt werden wollenende Markenfetischist.

Ein kurzer Zwischenruf muss noch sein: Es lässt sich wie in vielen sportlich orientiert modischen Wirrungen festhalten, dass die Farbenfreude der Jacke mit der Unsportlichkeit ihres Trägers zunimmt. Ein mögliches Bild könnte das eines dem Prekariat nicht sehr ferne Pärchen um die 50 in partnerlookigem Fallschirmseidetrainingsanzug sein.

Nun ist es freilich nicht der Hass auf diesen Menschenschlag oder gar Neid der mich umtreibt, gewiss nicht. Vielmehr ist hier die Forderung auf Rücksicht seinen TNF/JW-unbejackten Mitmenschen gegenüber Antrieb. Ich könnte meine Sonntagnachmittage sicherlich sinnvoller Verbringen, als mich über besagte Gattung und ihre sich sehr nah an meinem Rande von Verachtung tummelnden Neigungen in meine Unmüte zur Schau tragenden Blogs zu ergehen. Allein, und wie deutlich noch einmal betont, der Weltfrieden ist es, der mich antreibt. Ohne besagte Leibesentgleisungen kaschierende Fetzen wäre weniger Verachtung latent, die Welt wäre eine bessere.

Ich hatte eingangs von einer durchaus nicht abwegigen Zuordnungsmöglichkeit zu den Pantoffeltierchen geschrieben. Nicht eben abwegig daher, dass besagter Inhalt der Outdoor Wear ja allzu oft dem mittlerweile weniger einer bestimmten Gegend im Südwesten der Bundesrepublik, als vielmehr einer sehr begrenzten Geisteshaltung zuordenbaren Volk der „Schwaben“ zugerechnet werden kann und muss. Eben jene Schwaben werden ja nicht für ihre Herkunft gebasht. Naja, auch. Vornan steht als Verachtungsgrund aber das Einbringen der eher ländlichen Kultur des „Ruhehabenwollens“ in großstädtische und daher per se schonmal „Nichtruhehabenkönnen’sche“ Umgebung. Pantoffelismus also.

Ich rufe abschließend weder zur Bildung eines nach eher mittelalterlicher Prägung bewaffneten Mobs auf, noch zu öffentlichen oder auch diskreten Verbrennungen, weder der verachtenswerten Klamotten noch der benorthfaceten oder bejackwolfskinten ganzen Erscheinung. Vielmehr fordere ich hiermit die Gründung eines Artenschutzgebietes im sommerlichen Teil Grönlands oder in steppigem Gebiet der Mongolei. Teile der Welt jedenfalls, die das Tragen von Outdoor Wear in gewissem Maße rechtfertigen und die auch ohne dieses Reservat schlechte Chancen hätten, von mir als bereisenswert überhaupt bedacht zu werden. Vielleicht reichte zu meiner Zufriedenheit auch der zu „Ländle“ verniedlichte Pfuhl der Hölle – der Großraum Stuttgarts.

Nachtrag: Im folgenden Herbst, am 21. 11. 2010 schloss sich übrigens der Tagesspiegel meiner Meinung an.

4 Kommentare

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4 Antworten zu “The Nose Face

  1. na schick.. es gibt also wieder was zum lesen von dir. find ich gut, mach ruhig öfter’s

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